Kalliope

Kein Auge bleibt trocken

erfundene Geschichten / Gruseliges
Datum: 07.02.2010
Kettensägen sind schön, Kettensägen sind meine Freunde, sie gehorchen mir aufs Wort, ich brauche bloß auf einen Knopf zu drücken und schon sind sie lebendig, sie summen und brummen und bedanken sich bei mir, dass ich sie ins Leben geholt habe, und sie werden mir helfen ...

Balthasar, von allen Bar genannt, ist ein unscheinbarer Junge. Er versteckt sein Gesicht vor mir, hinter seinem haselnussbraunen Haar. Er geht gebückt, ich glaube, er hat sogar einen Buckel.

In der Schule ist er schlecht, er sagt nämlich nie was, und auch sonst sagt er nichts. Die Lehrer behandeln ihn wie Luft. Seine Augen sind trübe. Das sieht man, wenn man die Gelegenheit bekommt, sie zu sehen, zum Beispiel wenn er geschubst wird und seine Haare die Deckung aufgeben.

Er lässt sich prügeln, er wehrt sich nie und er beschwert sich nie. Es scheint, als hätte er alles aufgegeben. Manche schließen Wetten ab, wer ihn zum schreien oder zum weinen bringt, und dann prügeln sie ihn wieder und wieder.

Er macht mir Angst.

Sein Vater ist Gärtner, er arbeitet bei meinen Eltern im Garten.

Manchmal begleitet Bar ihn, dann sieht er seinem Vater schweigend bei der Arbeit zu, wenn er denn was sehen kann, durch seine Haare hindurch.

Vorgestern, das war ein Samstag gewesen, hat meine Mutter mir ein Tablett in die Hände gedrückt und gesagt: "Hier, bring Herrn Schur und seinem Sohn die Kekse und den Kaffee, mit liebem Gruß von mir.", weil die Kekse und der Kaffee, die standen auf dem Tablett, und ich bekam Hunger.

Ich ging also in den Garten, in dem Bar's Vater gerade die Hecke mit seiner Kettensäge bearbeitete. Bar stand daneben und starrte auf das von Ästen übersäte Gras. Ich stellte das Tablett ab, auf dem Gras, und wartete, bis Herr Schur die Kettensäge abstellte.
"Liebe Grüße von meiner Mutter und guten Appetit", sagte ich und deutete auf das Tablett.
Herr Schur nickte und sagte mit seiner rauchigen Stimme, das wäre sehr nett und ich solle jetzt wieder gehen und ihn nicht weiter bei der Arbeit stören.

Sie waren nicht sehr nett, Herr Schur und Bar, sie waren abstoßend. Unrasiert der Vater, stinkend der Sohn, rauchend der Vater, ungepflegt der Sohn.

Ich habe solche Angst vor Bar!

Heute ist Montag und ich gehe von der Schule nach Hause, möglichst schnell, weil hinter mir Bar geht, und ich habe doch Angst vor ihm. Er geht geduckt, als würde er warten, dass jemand ihn schlägt, und sein Atem geht rasselnd.

Seine Hand legt sich auf meine Schulter und ich zucke zusammen und quieke kurz auf und er weicht zurück und sagt: "Entschuldige, ich wollte nur fragen, ob wir in Biologie Hausaufgaben aufbekommen haben."

Ich antworte nicht.


Jemand näht mit der Nadel, nach oben, nach unten, und Kreuzstich, näht meinen Mund zu ... aber ich wehre mich.


"Nein", sage ich dann doch, "Wir haben nichts aufbekommen." und will weitergehen, aber er sieht mich an und fragt: "Möchtest du mit zu mir kommen? Wir können Pommes essen."
Und ich schüttele den Kopf, mein Herz schlägt ganz laut, und es ist in meinem Kopf und ich schüttele immer heftiger den Kopf und rufe laut: "Nein! NEIN! Verschwinde!"

Weil, wisst ihr, Bar ist kein guter Freund. Er lässt einen im Stich, wenn man ihn braucht, und er schreit so laut, dass einem die Ohren wehtun und er hat mir wehgetan, deshalb ist mein Herz im Kopf und mein Kopf gehorcht mir!


In der Psychiatrie:

"Frau Neumann, möchten Sie uns das Geschehen noch einmal schildern?", fragt Herr Kuller, der Therapeut, und rückt seine Brille zurecht.
Frau Neumann rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, dann fängt sie an zu erzählen: "Haben Sie von dem geistig gestörten Mann gehört, der mit seiner Kettensäge durch die Stadt geirrt ist?"
"Ja, aber natürlich! Er hat zwei Menschen getötet."
Frau Neumann nickt, ihr Gesicht wird blass: "Die Frau meines Gärtners und ihr Sohn. Er war ein guter Freund von meiner Tochter, Anka."
"Wegen ihr sind sie hier?"
Frau Neumann nickt, beugt sich zu Herrn Kuller herüber und flüstert mit zitternder Stimme: "Sie sieht ihn. Sie sieht ihn überall. In der Schule, auf dem Heimweg, wenn sein Vater bei uns die Hecke schneidet. Sie redet mit ihm. Und langsam kriege ich Angst vor ihr, denn sie macht so Geräusche. Ungefähr so -", und sie fängt an zu brummen: "Rrrrrh-Rrrrrhhuuum! Und sie tut so, als hätte sie eine Kettensäge in der Hand und sie droht mir!"
Verzweifelt bricht sie in Tränen aus.
Der Therapeut senkt betroffen die Augen.
"Wissen Sie, sie war dabei, als ... ER ermordet wurde. Sie hat einen Arm verloren", erklärt sie.
"Bringen Sie sie mit", sagt der Therapeut und erhebt sich: "Das ist ein ziemlich verzwickter Fall. Aber eine Therapie ist unbedingt nötig."
Atakah

Der Beitrag kommt von Kalliope
http://www.kalliope-online.com/

Die URL für diesen Beitrag lautet:
http://www.kalliope-online.com/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=6202