Kalliope

Zwischen Traum und Tod (65)

erfundene Geschichten / Krimi
Datum: 01.03.2010
„Ich habe vorhin von meiner Mutter geträumt."
Lisa hatte beschlossen, mit Jeff zu reden. Vielleicht im hoffnungslosen Versuch, ihn abzulenken. Sie wusste, seine Aufmerksamkeit würde kaum jemals nachlassen. Trotzdem durfte sie jetzt nicht aufgeben.

„Warum erzählst du mir das?“ Er saß mittlerweile ein Stück weit von ihr entfernt auf einem Stein. Die Taschenlampe, die er dabei hatte, lag auf dem Boden und warf einen hellen Strahl in die Dunkelheit. Plötzlich musste Lisa lächeln. Wie komisch, dass er sogar eine Taschenlampe hatte. Warum hatte er sich eine besorgt? Sie blickte zu ihm hoch und dachte, dass er es immer wieder schaffte, sie zu verblüffen.
„Ich weiß nicht“, sagte sie, „einfach nur so. Es war seltsam.“
„Seltsam?“
„Meine Mutter - sie war ein seltsamer Mensch. Ich hatte sie gern. Aber es gab immer etwas, das zwischen uns stand.“
„Was?“
Sie wusste nicht, ob er aus wahrem Interesse fragte oder aus bloßer Langeweile.
„Sie hatte einfach keinen Sinn für Träume. Ständig wollte sie mir meine Phantasien ausreden.“ Lisa bewegte ihre Finger, die vor Kälte schon fast taub waren. Vor Schmerz biss sie sich hart auf die Lippen. Der Himmel war nun nicht mehr ganz so schwarz. Obwohl Lisa keine Ahnung hatte, wie lange es noch dunkel sein würde, ahnte sie, dass der Morgen nahte.
„Der Sinn fürs Träumen liegt nicht jedem im Blut“, sagte Jeff und sie konnte an seiner Stimme hören, dass er lächelte. Ihre Blicke trafen sich und der Augenblick hatte fast etwas Schönes an sich. Die Stille des kommenden Morgens.

Lisa vernahm plötzlich ein Geräusch. Ganz leise, fast unhörbar. Und doch wurde sie mit einem Schlag hellwach. Trotz der Kälte pulsierte das Blut heftig in ihren Adern. Sie fing unbewusst an zu hoffen, noch ehe ihr klar wurde, dass auch wirklich ein Anlass dazu bestand. Jeff saß noch immer auf diesem Stein, die Pistole auf den Knien. Die Dämmerung hatte eingesetzt und Lisa konnte sein Gesicht jetzt deutlich erkennen. Er blickte vor sich hin und sie konnte ihm förmlich ansehen, wie sein Gehirn arbeitete. Doch obwohl es den Anschein hatte, als sei er tief in Gedanken versunken, ließ Lisa sich nicht täuschen. Sie wusste, dass seine Aufmerksamkeit keine Sekunde nachlassen würde. Tatsächlich hob er plötzlich den Kopf und blickte sich prüfend um. Er musste ebenfalls etwas gehört haben. Er erhob sich und packte die Pistole fester. Dann kam er auf Lisa zu und stellte sich vor sie. „Da kommt jemand. Los, aufstehen! Und kein Ton, verstanden?“ Er zog sie so heftig auf die Füße, dass sie gegen ihn prallte. Gerade als er sie vorwärts stoßen wollte, ertönte eine Stimme hinter ihnen.
„Adams!“
Lisa stockte der Herzschlag. Sie wollte nicht recht glauben, was ihre Ohren hörten: Es war Rafe! Er war hier! Hatte sie tatsächlich gefunden. Im nächsten Moment presste Jeff die Waffe an ihren Hals und riss sie mit sich herum. Tatsächlich stand Rafe vor ihnen. Bei seinem Anblick musste Lisa sich zusammenreißen, um keinen Laut der Erleichterung von sich zu geben. Sie beschloss, ganz still zu bleiben. Aber es fiel ihr unglaublich schwer sich auf den Beinen zu halten.
Jeff reagierte panisch. „Ich warne dich, keinen Schritt näher!“
Rafe hob die Hände in die Luft. „Ich will nur mit Ihnen reden.“
„Bist du bewaffnet?“
„Nein!“
„Lüg nicht!“, brüllte Jeff, zerdrückte beinahe Lisas Arm. Er war dabei seine Beherrschung zu verlieren. Diese Reaktion hatte Lisa nicht von ihm erwartet. Bis jetzt hatte er vor ihr immer deutlich gemacht, dass er stets Herr der Lage war. Doch jetzt schien er mit einem Mal seine kühle Ruhe gegen ungestüme Panik eingetauscht zu haben. Seine Panik übertrug sich auf Lisa. Sie musste sich zwingen, nicht zu wimmern und ihre Furcht zu zeigen. Lange hielt sie nicht mehr durch. Das kalte Metall an ihrem Hals ließ sie deutlich spüren, dass sie nur noch einen Hauch davon entfernt war - entfernt von ihrem Ende.
„TRÄGST DU EINE WAFFE?“ Jeffs Stimme überschlug sich. Er wirkte wie ein Tier, das man in die Enge gedrängt hatte. Doch so weit Lisa feststellen konnte, stellte Rafe keine Bedrohung dar. Hatte er etwa tatsächlich keine Waffe?
„Nein!“ Das Wort schien in der Luft zu kleben und hallte in Lisas Ohren in Form eines unwirklichen Echos nach. Nein, nein, nein … Wie konnte er so dumm sein und glauben, er könne sie allein durch Worte vor diesem Psychopaten retten? Wo war sein Verstand geblieben, verflucht? Lisa schloss die Augen.
Jeff stieß vor Erleichterung so heftig die Luft aus, dass sie es hören konnte. „Ich warne dich: Wenn du mich verarschst, wird es dir noch leid tun! Ich brauche nur abzudrücken und vor deinen Augen läuft ein Film ab, der so grauenvoll ist, dass du ihn nie wieder aus dem Kopf kriegst. Das verspreche ich dir!“
Rafes Mine blieb hart, beinahe unbeteiligt. Er hatte Lisa bisher noch nicht angesehen.
„Ich traue dir nicht! Wenn du glaubst, mir eine Falle stellen zu können, dann ...“
„Was für eine Falle, Adams? Ich bin ganz allein, das sehen Sie doch. Niemand weiß, dass Sie hier sind. Niemand weiß, dass ich hier bin.“
„Wie hast du es herausgefunden?“
„Ich habe mich einfach erinnert.“
„Ach, tatsächlich? Die gute Julia hat also nett geplaudert, als du sie verhört hast! Ich wusste, sie würde ihren dämlichen Mund nicht halten können!“
„Was soll jetzt geschehen, Adams? Warum wollten Sie, dass ich herkomme?“
Jeff schüttelte unwirsch den Kopf und stieß gepresst hervor:
„Du verstehst es nicht oder?“
Rafe machte einen Schritt auf sie zu. „Wenn Sie sie tatsächlich so lieben, wie ich glaube, warum tun Sie das alles? Sie machen es nur noch schlimmer!“
Jeffs Stimme bebte, als er sagte: „Du weißt gar nichts über mich! Du kannst es einfach nicht verstehen!
Aber Lisa ... du musst es doch begreifen!“ Er nahm endlich die Pistole von ihrem Hals und drehte ihr Gesicht so zu sich herum, dass sie ihn ansehen musste. Sie starrte in seine Augen und sah darin plötzlich wieder das, was sie bei ihrer ersten Begegnung gefesselt hatte. Auf einmal verschwand die Härte aus seinem Gesicht und machte einem verzweifelten, beinahe traurigen Ausdruck Platz. Er löste seinen Griff ein wenig von ihren Armen und sie wich ein Stück vor ihm zurück. „Verstehst du nicht, dass das mit uns Schicksal ist?“, flüsterte er und ein betrübtes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.
Ein trockener Knall! Jeff sackte in die Knie. Lisa stand da wie erstarrt, ein stummer Schrei auf den Lippen. Was war geschehen? Jeff gab einen unnatürlich klingenden Schmerzenslaut von sich und brach zusammen. Seine Augen waren ungläubig aufgerissen, Blut lief ihm von der rechten Schläfe. Lisa taumelte vor ihm zurück, schlug die Hände vor den Mund. Jeffs Lippen bewegten sich, sein Blick war plötzlich ganz trüb. Was sagte er? Lisa wusste es nicht. Sie wusste überhaupt nichts mehr.
„Lisa!“ Als sie die Stimme hörte, drehte sie langsam den Kopf. Rafe war bei ihr, zog sie an sich. „Alles in Ordnung mit dir? Bist du verletzt?“ Sie drückte sich an ihn und vergrub ihr Gesicht an seiner Jacke. Sie wollte nicht sehen, wie Jeff starb, wollte nicht mehr in seine starren Augen blicken. Nie wieder!

Während Rafe Lisa an sich drückte, sah er über ihre Schulter. Teresa kniete neben Adams am Boden und hob mit ihren schwarzen Handschuhen dessen Pistole hoch. Ihre Miene wirkte teilnahmslos; kalt. Aber er wusste, dass sie nur so tat. Als hätte sie seinen Blick gespürt, sah sie zu ihm hoch. Er nickte ihr in stummer Dankbarkeit zu. Wäre sie nicht gewesen, wäre Lisa jetzt vielleicht tot. Sie lächelte ganz leicht. Dann presste sie sich ihr Handy ans Ohr. Bald würde es hier auf diesem Friedhof von Leuten wimmeln. Rafe schob Lisa ganz behutsam ein Stück von sich und löste endlich die Stricke von ihren Handgelenken. „Bist du in Ordnung?“, fragte er leise und eindringlich und musterte sie prüfend. Ihr Gesicht war aschfahl und in ihrem Blick spiegelte sich blankes Entsetzen wieder. Sie wirkte, als befände sie sich in einer anderen Welt. Sie sah ihn zwar an, ohne ihre Augen jedoch wirklich auf ihn zu fokussieren. Er musste sie von hier weg bringen! Rafe nahm ihre Hände und wärmte sie. Sie sah völlig durgefroren aus. Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen und Tränen traten ihm in die Augen. Fast hätte er auch sie noch verloren! Jemand berührte ihn leicht am Arm. Es war Teresa. „Fehlt ihr was?“, fragte sie.
Rafe schüttelte leicht den Kopf. „Bringen Sie sie von hier weg. Sie können den Wagen nehmen.“ Sie steckte ihm die Autoschlüssel in die Jackentasche. Rafe blickte ihr in die Augen.„Ich ... danke für alles.“
Teresa nickte wortlos, dann wandte sie sich wieder ab. Rafe legte einen Arm um Lisa und führte sie weg von den Grabsteinen, weg von Jeffrey Adams Leiche.
Sie hatte noch kein Wort gesprochen. Er wusste, dass sie unter Schock stand und dieser Zustand wohl noch eine ganze Weile anhalten würde. Ihm selbst ging es nicht viel anders, aber er wusste, dass er alles verkraften konnte. Bei Lisa war er sich da nicht so sicher.

Rafe war zu dem Schluss gekommen, dass es besser war, sie erst einmal zu sich in die Wohnung zu bringen. An einen Ort, mit dem sie wenig schlechte Erinnerung verband, wie er hoffte. Bevor er losfuhr, zog er seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schultern.
„Irgendwann wird die Kälte verschwinden“, sagte er. Sie zeigte keine Reaktion, legte bloß den Kopf zurück und schloss die Augen. Er fluchte innerlich. Wünschte sich, sie würde schreien, weinen oder irgendetwas anderes tun, als stumm da zu sitzen. Aber dann ermahnte er sich, ihr Zeit zu geben. Irgendwann würde sie aus ihrer Apathie erwachen und er schwor sich, diesmal für sie da zu sein.

Lisa erwachte. Wo war sie? Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen und lauschte. Es war ganz still. War sie tot? Nein, unmöglich. Sie spürte einen brennenden Schmerz auf ihren Handgelenken, der ihr bewies, dass sie noch leben musste. Aber wie konnte es sein? Jeff! Blitzartig öffnete sie die Augen und fuhr hoch. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie sich um. Es dauerte einige Minuten, bis ihr bewusst wurde, wo sie sich befand. In Rafes Wohnung! Sie lag in seinem Bett! Wie war das möglich? ER musste doch da sein! ER war immer da gewesen! Lisa richtete sich auf. Sie musste weg hier! Er würde sie finden und dann würde er sie nicht mehr entkommen lassen! Obwohl sie kaum die Kraft aufbrachte, erhob sie sich. Da bemerkte sie, dass sie ein weißes, viel zu großes Hemd trug. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie es trug, aber sie würde sich später den Kopf darüber zerbrechen. Jetzt musste sie schleunigst von hier verschwinden, ehe er zurück kam …! Aus Ungeschicktheit oder weil sie so unglaublich müde war, fegte sie mit dem Ellbogen etwas vom Nachttisch. Es klirrte und Lisa schrie auf. Verflucht, er würde sie hören! Warum hatte sie nicht aufpassen können? Sie wollte schon über die Scherben hinweggehen, als sie bemerkte, was da auf dem Boden lag. Es war ein gerahmtes Foto gewesen. Sie bückte sich und hob es auf, um es genauer zu betrachten. Ihr blieb fast das Herz stehen. Ihr eigenes Gesicht starrte ihr entgegen. „Lisa!“
Sie ließ das Foto fallen. Nein, ER war es nicht! Es war eine andere Stimme, weniger bedrohlich, vertraut und liebevoll. Trotzdem wagte sie es nicht, hochzublicken.
„Hey.“ Er ging vor ihr in die Knie und fasste nach ihren Händen. Jetzt sah sie ihn doch an und war erleichtert. Rafe war da um sie zu retten! „Es tut mir leid“, murmelte sie zerknirscht und blickte auf die Scherben hinunter. Er drückte ihre Hände. „Das ist doch nur ein Foto. Nichts passiert. Komm schon, steh auf.“
Lisa wollte dem sanften Klang seiner Stimme zuhören und glauben, dass alles in Ordnung war. Aber sie wusste es besser. „Er kommt zurück! Ich muss hier weg! Und du … du solltest auch verschwinden! Er wird dich sonst umbringen!“, stieß sie hervor und versuchte sich von seinem Griff loszumachen. Doch Rafe zog sie auf die Füße und blickte ihr fest in die Augen. „Nein. Er wird nicht zurück kommen. Nie wieder.“ Er sprach jedes einzelne Wort langsam und überdeutlich aus. Aber sie schenkte dem, was er sagte, keine große Beachtung. Er hatte keine Ahnung, wozu er fähig war. Rafe kannte ihn nicht gut genug, um zu wissen, wozu er in der Lage war. Sie hatte niemals Ruhe vor ihm.
„Bitte“, flehte sie leise, „lass mich gehen. Ich muss von hier verschwinden, er wird mich sonst finden!“
Rafe ließ sie los. Sein Blick traf sie jedoch wie ein Stromschlag. „Er ist tot! Jeffrey Adams ist tot!“
Lisa schüttelte mechanisch den Kopf. Warum sagte er so etwas?

„Er ist tot!“ Jetzt schrie Rafe die Worte förmlich hinaus. „Eine Polizistin hat ihn erschossen! Ein Schuss direkt in den Kopf. So etwas überlebt niemand!“
Lisa wich vor ihm zurück, als hätte er sie geschlagen. „Du lügst! Das ist nicht wahr!“
„Doch! Ich sagte: Er hat ein Loch im Kopf! Du hast es doch gesehen! Er ist direkt vor deinen Füßen zusammengesackt!“ Rafe wusste, dass er grausam war. Er hätte das alles nie sagen dürfen. Verzweifelt fuhr er sich mit der Hand durchs Haar und wandte sich schließlich von ihr ab. Herrgott, er stand völlig neben sich. Aber sie … Lisa hatte offenbar ganz und gar den Verstand verloren. Sie schien nicht begreifen zu können, was auf dem Friedhof geschehen war. Dass sie lebte - und Adams nicht. Sie hatte das Spiel gewonnen! Als Rafe seine Beherrschung wieder erlangt hatte, drehte er sich zu ihr um. Sie stand da, mit leerem Blick und schüttelte noch immer den Kopf. Es brach ihm das Herz, sie in einer solchen Verfassung zu sehen und er machte sich Vorwürfe, sie nicht in ein Krankenhaus gebracht zu haben. Auch wenn sie nicht verletzt war, war etwas mit ihr passiert. Und er begriff, dass sie nicht allein damit fertig werden konnte. Er war nicht die richtige Person, um ihr zu helfen. Er ging zu ihr hin und umarmte sie vorsichtig. Sie wehrte sich nicht. Schließlich legte sie den Kopf an seine Schulter und er drückte sie fester an sich. „Es tut mir leid“, flüsterte er und strich ihr über das Haar.

Später kam Teresa vorbei. Lisa schlief in Rafes Bett. Er hatte ihr eine Schlaftablette gegeben, um ihr wenigstens für ein paar Stunden Ruhe zu verschaffen. Teresa sah erschöpft aus. Es war mittlerweile fünf Stunden her, seit sie den gesuchten Verbrecher Jeffrey Adams erschossen hatte. Rafe brachte ihr ein Glas Wasser und sie setzten sich auf seine Ledercouch.
„Wie geht es ihr?“, fragte Teresa teilnahmsvoll.
Rafe seufzte. Es hatte keinen Sinn, zu lügen.
„Ich glaube, sie braucht Hilfe. Sie scheint stark traumatisiert zu sein.“
„Konnten Sie schon mit ihr reden?“
„Nein. Sie hat noch nicht einmal realisiert, dass Adams tot ist.“
Teresa lächelte traurig. „Ich glaube, sie will es nicht wahr haben.“
„Sie meinen …?“ Rafe starrte in das Glas, das er zwischen den Fingern drehte.
„Stockholm-Syndrom.“
„Das ist doch verrückt! Er hat sie fast getötet!“
„Ich habe ihre Reaktion gesehen, als er am Boden lag. Wie sie ihn angesehen hat. Sie war nicht erleichtert. Sie war fassungslos.“
Rafe schloss die Augen. „Ich sollte ihr helfen. Aber ich kann nichts für sie tun.“
„Sie haben schon so viel für sie getan, Rafe.“
Er öffnete die Augen wieder und lachte bitter auf. „Sie waren es, die sie gerettet hat!“
„Das ist nicht wahr. Sie haben nicht aufgegeben. Sie haben sie gefunden und sie haben Ihr Leben für sie aufs Spiel gesetzt. Das ist mehr als genug!“, widersprach Teresa energisch.
Rafe rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Was soll ich jetzt tun?“
Es dauerte lange, bis Teresa antwortete. „Sie müssen sich die Frage stellen, ob sie für Lisa da sein können oder nicht.“
Rafe blickte sie an und schüttelte den Kopf. Er wusste es nicht.

Es war Abend, als Lisa aus ihrem Tiefschlaf erwachte. Dämmerlicht fiel durch die Vorhänge und tauchte den Raum in matte Helligkeit. Sie hatte Durst und stand auf, um sich etwas Wasser zu holen. Außerdem war ihr schrecklich kalt. Sie lief aus dem Zimmer. Als sie in der Küche stand, drehte sie den Wasserhahn auf. Es war vollkommen still. Sie musste allein sein. Sie trank von dem kalten Wasser. Plötzlich stürzten Bilder auf sie ein: Jeffs Lächeln, seine traurigen Augen, über denen ein Schleier lag, sein halb geöffneter Mund; Blut, das in einem dünnen Rinnsal von seiner Stirn tropfte … Sie hielt das Gesicht unters Wasser. Die Bilder verschwanden, wichen einer tröstlichen Dunkelheit. Lisa drehte schließlich den Hahn wieder zu und blieb unschlüssig stehen. Sie fragte sich, ob Rafe etwas Stärkeres zu trinken hier hatte. Aber so wie sie ihn einschätzte, hatte er all seine Vorräte an Alkohol weit weggeschlossen. Es machte sie wütend, dass sie nichts tun konnte, um die Erinnerungen wirklich wegzuwischen. Es hatte gut getan, zu schlafen. Aber jetzt, wo sie wieder hellwach war, sah sie sich wieder und wieder mit diesen schrecklichen Dingen konfrontiert, die sich in den letzten Tagen ihres Lebens abgespielt hatten. Sie setzte sich auf den kalten Fußboden und vergrub das Gesicht in den Händen; versuchte an nichts zu denken. Doch so sehr sie sich bemühte, es ließ sie nicht los. So sehr Jeff ihr Leben zerstört hatte, so schwer fiel es ihr, ihn daraus weg zu denken. Es war verrückt, es war so vollkommen irrsinnig! Er hatte ihr die größten Albträume beschert. Aber jetzt … Er konnte doch nicht einfach verschwinden! Sie hörte Rafes Worte wieder, wie er sie angeschrien hatte! Jeff war tot. Dieser Kerl, der so plötzlich, umgeben von Geheimnissen, in ihr Leben getreten war. Der erste Abend, als sie in dieser Bar gewesen waren und sie sich in seine Augen verliebt hatte. Es hatte alles so harmlos begonnen und in einem solchen Drama geendet. Lisa hatte so oft tiefen Hass für ihn empfunden, weil er sich so krank verhalten - und sich in einen völligen Wahnsinn hineingesteigert hatte. Doch jetzt, wo alles plötzlich vorbei war, empfand sie nur diese abgrundtiefe Leere. Und das war schlimmer.
Mirka

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