Kalliope

Zwischen Traum und Tod (66)

erfundene Geschichten / Krimi
Datum: 05.03.2010
Es war bereits dunkel, als Rafe in die Küche trat und Lisa am Boden sitzend vorfand. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und er dachte im ersten Augenblick, sie würde endlich weinen.

Aber als er näher trat und sie den Kopf hob, sah er nicht die geringsten Anzeichen dafür. Stattdessen war ihr Blick endlich wieder völlig klar. Sie sah ihn an und sagte mit fester Stimme: „Ich will mich verabschieden.“
„Was meinst du?“
„Ich will mich von ihm verabschieden!“, wiederholte sie entschlossen.
Rafe erstarrte. Von ihm! Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Alles hatte er erwartet, aber nicht eine solche Bitte. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.
„Es ist das Letzte, worum ich dich bitte!“, beharrte sie und ihre Augen durchbohrten ihn regelrecht. Rafe hätte am liebsten geschrien, aber er zwang sich stattdessen, viel Ruhe in seine Stimme zu legen: „Das ist keine gute Idee. Was willst du tun? Du kannst diesen Mann nicht wiedersehen. Und ich bin mir sicher, dass du das auch nicht willst.“
„Ich sagte doch, ich will mich nur verabschieden! Ob es eine gute Idee ist oder nicht, darüber sollst du nicht urteilen!“
„Was hat er nur mit dir gemacht?“ Die Worte waren nur geflüstert, aber Lisa verstand sie. Sie wiegte traurig den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Sie trug ihren schwarzen Mantel, in dem sie so zerbrechlich wirkte; darunter noch immer das weiße Hemd, das er ihr geliehen hatte. Ihre Augen stachen aus ihrem blassen Gesicht heraus; wirkten übergroß und leer. Rafe wusste, wohin sie gehen wollte. Er hieß es nicht gut, dennoch wusste er, dass er das für sie tun musste. Nur so gelang es ihr vielleicht, zu verarbeiten, was passiert war. Sie fuhren durch die Dunkelheit. Es schneite leicht, aber die Flocken zerschmolzen sofort wieder auf dem Asphalt. Rafe warf Lisa einen Blick zu, dann starrte er beharrlich nach vorn. Er musste die Zähne zusammenbeißen, um still zu bleiben. Plötzlich bat sie ihn, an einem Tank-Shop anzuhalten. Er wollte protestieren. Was, zum Teufel noch mal, ging eigentlich in ihrem Kopf vor? Er musste verrückt geworden sein, diesen Irrsinn mitzumachen! Als er auf einem Parkplatz angehalten hatte, wandte sie sich zu ihm um. „Ich brauche etwas Geld.“
„Wofür?“, fragte er mit unbeabsichtigter Schärfe in der Stimme. Ärger stieg in ihm hoch, als er daran dachte, dass Lisa sich in der letzten Zeit immer wieder haltlos betrunken hatte. Wenn sie tatsächlich vorhatte, dies zu tun, dann würde er sie nicht dabei unterstützen! „Ich werde dir kein Geld geben, damit du dich zu Tode trinken kannst!“
Entgeistert starrte Lisa ihn an. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Komm schon, hör auf mit dem Theater“, brach es aus ihm heraus, „wir wissen beide, was los ist! Aber ich sagte, ich werde dir nicht auch noch die Hand dabei reichen!“
„Wobei? Du hast doch keine Ahnung!“ Ihre Stimme war sonderbar klanglos. Sie rieb sich über die Handgelenke. Rafe hatte bemerkt, dass sie es ständig tat, seit die Sache passiert war. Die Stellen, wo die Stricke sich in ihre Haut gebohrt hatten, waren gerötet.
„Doch, das habe ich. Du bist fast gestorben! Glaub mir, ich weiß, was du gerade durchmachst. Aber ich weiß auch, dass es sinnlos ist, wenn du versuchst davonzulaufen.“
„Ich laufe vor gar nichts davon!“, widersprach sie tonlos, ohne damit aufzuhören, sich die Haut zu zerkratzen. „Im Gegenteil, ich laufe mitten hinein!“
„Lisa! Ich verstehe nicht, wozu das gut sein soll! Lass uns umkehren, das ist doch verrückt!“
„Du versteht es einfach nicht, oder?“ Lisas Worte ließen das Blut in Rafes Adern gefrieren. WER hatte das schon einmal zu ihm gesagt? „Ich will dich doch nur schützen“, sagte er leise, „das ist alles.“
Lisa hörte endlich auf, sich ihre Wunden aufzukratzen.
„Ich will eine Rose kaufen - das ist alles.“
Rafe hob müde den Kopf. „Eine Rose?“

Es war verrückt, das wusste sie. Selbst die Verkäuferin im Tank-Shop schenkte ihr jenen mitleidigen, verständnislosen Blick, den Ärzte für ihre hoffnungslosesten Patienten übrig hatten. Aber Lisa empfand einen Augenblick eine Spur von Glück, als sie die Rose entgegen nahm.
„Morgen wird die verwelkt sein!“, seufzte die Kassiererin und fügte mit erzwungener Freundlichkeit hinzu: „Gute Nacht.“ Sie erhielt keine Antwort, konnte nur verblüfft der jungen Frau hinterher starren, die so traurige Augen hatte und in ihrem schwarzen Mantel versank.

Der Mond tauchte den Friedhof in ein geisterhaftes Licht, das sich erstaunlich tief in die Dunkelheit bohrte. Wie ein Dorn der Rose in ihre Haut. Lisa hätte die Stelle selbst mit verbundenen Augen wieder gefunden. Als sie sich auf den Stein sinken ließ, auf dem Jeff sich wenige Minuten vor seinem Tod gesetzt hatte, überlief es sie eiskalt. Rafe stand einige Meter von ihr entfernt; wartete reglos in der Dunkelheit. Sie saß eine Weile still da.

„Verstehst du nicht, dass das mit uns Schicksal ist?“

„Du solltest inzwischen gemerkt haben, dass ich nie aufgebe. Und wenn du mich nicht liebst, dann soll er dich auch nicht bekommen.“

„Ich werde dich niemals vergessen. Aber ich hoffe, dass du mich eines Tages vergisst.“

Tränen liefen ihr übers Gesicht. Eine Weile weinte sie lautlos. Dann erhob sie sich und legte die Rose behutsam auf den Stein. Sie hob den Blick und sah zu Rafe, der noch immer reglos dastand und auf sie wartete. Ein süßer, unerträglicher Schmerz stieg in ihr hoch und zerriss sie fast. Langsam kehrte sie zu ihm zurück. Sie gingen schweigend zwischen den Grabsteinen hindurch auf das Tor zu. Rafe ging so dicht neben ihr, dass sein Arm den ihren streifte. Sie wollte nach seiner Hand greifen. Aber sie konnte es nicht.


Dieses Leben in der Welt ist - mit allem, was es enthält - ein Traum. Das Erwachen aus diesem Traum ist der Tod. Khalil Gibran

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ENDE
Mirka

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